Kritische Solidarität

 

Der 18. Januar ist als bundwesweiter Protesttag der Ärzte ausgerufen, und in Berlin soll eine eindrucksvolle Massendemonstration mit Reden und Statements namhafter Ärztevertreter stattfinden, und es wird sich zeigen, ob der Protest bisher revolutionsunverdächtiger bürgerlich-konservativer, etablierter Gruppierungen ernst genommen und dann auch irgendwelche politischen Folgen haben wird.

 

Auch der bvvp ruft zu demonstrativen Praxisschließungen an einem Tag im Januar auf (s. Homepage). Er wird außerdem vor Ort in Berlin offiziell in Gestalt seiner ersten Vorsitzenden, Frau Dr. Birgit Clever, anwesend sein und mit „kritischer“ Solidarität den Protest unterstützen.

Wieso denn „kritisch“ und nicht  aus vollem Herzen? Kritisch ist unsere Solidarität mit den anderen Ärztegruppen deswegen, weil wir zwar das Anliegen unterstützen und voll und ganz hinter der Forderung stehen, dass es für ärztlich gebotenes Verordnen und Verschreiben keine Bestrafung geben darf, dass Budgetierung und Punktewährung endlich wegfallen müssen und alle Ärzte und Psychotherapeuten mit betriebswirtschaftlich kalkulierten Honoraren in Euro – wie es ja auch der EBM mit einer Kalkulationsgrundlage 5,11 Cent pro Punkt beabsichtigt – bezahlt werden sollten, und dass daher auch letztlich mehr Geld ins System kommen muss.

 

Aber wir müssen auch den Blick darauf richten , dass jetzt zwar alle Arztgruppen laut lamentieren und von zunehmender Existenzbedrohung und Praxissterben reden, dass wir Psychotherapeuten aber immer noch innerhalb der niedergelassenen Ärzteschaft einkommensmüßig das absolute und weit abgeschlagene Schlusslicht bilden. (Das ist der KBV wohl so peinlich, dass wir als eigene Gruppe noch nie in der Umsatz- und Einkommensstatistik, die das Zentralistititut der KBV jährlich aktualisiert und veröffentlicht, vorgekommen sind und auch in der jüngst veröffentlichen Statistik wieder fehlen.)

 

Und das, nachdem wir nach 10jährigem Kampf eine gewisse Höhervergütung erreicht haben, die aber immer noch nicht in allen Punkten dem BSG-Urteil entspricht. Für dieses Schicksal erfahren wir aber keine Solidarität der anderen Ärztegruppen und KV-Vertreter, im Gegenteil, man macht uns gerne mit unserer geringfügigen Höhereinstufung, die im Gesamtbudget kaum ins Gewicht fällt, für die Verarmung der anderen Facharztgruppen verantwortlich und schürt Stimmung gegen uns. Wir seien die großen Gewinner der EBM-Reform, die mit Hilfe gutbepunkteter RLV-freier, unbeschränkter Leistungen den anderen das Brot wegfressen. Natürlich sind wir – neben anderen – auch Gewinner, und zwar aufgrund der Reform und der erzwungenen höheren Punktwerte für genehmigungspflichtige Leistungen. Aber das muss ja auch so sein, weil das BSG verlangt hat, das ein vollausgelasteter Psychotherapeut wenigstens so viel verdienen können muss, wie ein Durchschnittsarzt der Vergleichsgruppe. Trotzdem  bleiben wir damit  immer noch durchschnittlich unter dem Durchschnitt der anderen. Und das ist Absicht, wie man an dem fortwährenden, unsachgemäßen Kleinrechnen unserer Leistungen im EBM sieht. Außerdem gibt es viel größere Gewinner der EBM-Reform als die Psychotherapeuten. Das Geheimnis liegt wie meistens in der Prozentrechnung. Eine Fachgruppe mit sehr kleinem Umsatz braucht nur eine kleine Höhervergütung um eine relativ hohe Umsatzsteigerung zu erzielen. Absolut gesehen in Euro ist das aber ein Klacks gegenüber relativ gerechnet geringeren Umsatzsteigerungen von wesentlich umsatzstärkeren Fachgruppen. Alles klar? Über diese Gewinner redet aber niemand.

 

Als es uns vor Jahren noch schlechter ging, haben wir erst recht keine Solidarität erfahren – im Gegenteil, wir haben jahrelang für unser Recht kämpfen müssen und selbst als wir Recht hatten, haben es Bewertungsausschuss und KVen jahrelang einfach ignoriert.

Also kurz und gut: Es ist richtig, dass die ärztlichen Leistungen insgesamt zu schlecht honoriert werden und dass das nicht so weiter gehen kann. Aber unsere werden immer noch schlechter bezahlt. Und das kann schon gar nicht so weiter gehen. Und dafür hätten wir – auch wenn’s schwer fällt - ebenfalls gerne die „kritische“ Solidarität der anderen Fachgruppen.

 

10.01.2006

 

Frank Roland Deister

1. Stellv. Vorsitzender