Summary aus der „Psyche 3/2001“


Marianne Leuzinger-Bohleber, Ulrich Stuhr, Bernhard Rüger, Manfred E. Beutel
"Langzeitwirkungen von Psychoanalysen und Psychotherapien: Eine multiperspektivische, repräsentative Katamnesestudie"

Rolf Sandell, Johan Blomberg, Anna Lazar, Jan Carlsson, Jeanette Broberg, Johan Schubert
"Unterschiedliche Langzeitergebnisse von Psychoanalysen und Psychotherapien. Aus der Forschung des Stockholmer Projektes" 


1. Die Studie von Leuzinger-Bohleber et. al. verfolgt das Ziel, die Langzeitwirkung von Psychoanalyse und psychoanalytischer Therapie nachzuweisen.

Es handelt sich um eine Katamnesestudie mit einer repräsentativen Stichprobe aller ehemaligen Patienten, die zwischen 1990 und 1993 bei DPV-Analytikern die Therapie beendet haben (Stichprobengröße: 401 ehem. Patienten).

Nach einer eingehenden methodenkritischen Diskussion werden sowohl qualitative Beobachtungen aus den Katamneseinterviews als auch quantitative Messergebnisse dargestellt.

Methoden

  1. Subjektive Sicht des ehemaligen Patienten
  2. Die Einschätzung des behandelnden Analytikers
  3. Die Einschätzung von psychoanalytischen und nicht-psychoanalytischen Experten
  4. „Objektive“ Daten zur psychischen, psychosozialen und ökonomischen Situation des Patienten
  5. Krankenkassenangaben vor und nach der Behandlung

Methodenkritik

Eine Randomisierung von behandlungsbedürftigen Patienten zu unterschiedlichen therapeutischen Strategien und Settings erscheint ethisch nicht vertretbar.

Eine katamnestische Studie beeinflusst den therapeutischen Prozess durch den Prozess der Forschung nicht im Gegensatz zu einer prospektiven Untersuchung.

Eingehende Darstellung der Repräsentativität der Studie.
Fragebögen:
Symptombelastung (SCL-90R, Franke 1995)
Zum Kohärenzgefühl (SOC-Sense of Coherence, Antonovsky 1988)
Fragen zur Lebenszufriedenheit (IRES 80, Gerdes und Jäckel 1995)
Daten der Krankenkassen: Arbeitsunfähigkeitstage, Krankenhaustage, Zahl der Krankenhausaufenthalte
Außerdem BSS (Beeinträchtigungs-Schwere-Score, Schepank 1995) und Global Assessment of Functioning (GAF nach DSM-IV)

 

Ergebnisse

- Durchschnittliche Behandlungsdauer ca. 4 Jahre (49 Monate)

- Zahl der Behandlungsstunden durchschnittlich bei 371

- 20% der Behandlungen wurden im Verlauf hinsichtlich des Settings modifiziert.

- Beendigung der Behandlung in 2/3 der Fälle mit gemeinsamem Einverständnis

- 80% der ehemaligen Patientinnen berichten über positive Veränderungen bei  Wohlbefinden, persönliche Entwicklung und Beziehungen, Bewältigung von Lebensereignissen, Selbstwertgefühl, Stimmung und Lebenszufriedenheit sowie Leistungsfähigkeit.

- Zunahme des Anteils der Patienten in fester Partnerschaft von 67 auf 76%.

- Die Patienten waren zu 76% mit der Behandlung zufrieden, 9% unzufrieden, 6% sehr unzufrieden.

- Die Analytiker waren mit 64% Zufriedenheit deutlich kritischer als ihre Patienten.

- Ehemalige Psychoanalyse- und analytische Psychotherapie-Patienten waren gleichermaßen zufrieden mit der Behandlung.

- Im SCL-90R lagen die ehemaligen Patienten nur noch leicht oberhalb der Normalstichprobe.

- Die Zahl der Arztbesuche ging von 6,7 auf 4 zurück, die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage von 10,3 auf 4 AU-Tage im letzten Jahr der Behandlung.

- Ein großes Problem hinsichtlich der Unzufriedenheit scheinen Behandlungen zu sein, die aus finanziellen Gründen relativ abrupt nach Beendigung der Kassenleistung beendet werden mussten.

- Die Darstellung der nicht erfolgreichen Behandlungen zeigt, dass es sich jeweils um schwer gestörte Patienten handelt, zumeist Borderline-Patienten mit „heroischen“ Indikationen, oft nach Psychiatrisierung und verschiedenen missglückten Therapieanläufen.

- Als wesentliches Ergebnis lässt sich feststellen, dass 75% der detailliert untersuchten Katamnesen schwerst gestörter Patienten (narzisstische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Patienten oder Psychosen) zu einem bemerkenswert stabilen Langzeiterfolg führen.

- 81 von 124 näher untersuchten Patienten haben in ihrer Kindheit schwere Realtraumatisierungen erlitten. Dieser hohe Anteil überrascht. Einige dieser Patienten beklagten sich, dass ihre Analytiker die Traumatisierung unterschätzt hätten.

- Bei 76 oder 81 traumatisierten Patienten schien es möglich, das Trauma in der Übertragung wiederzubeleben.

- 5 Patienten dagegen zeigten ein Enactment der traumatischen Erfahrung außerhalb der therapeutischen Beziehung und benutzten diese als „holding function“, diese Behandlungen führten ausnahmslos zu einem sehr guten Ergebnis.

- Bei den negativen Behandlungen wurde u.a. festgestellt, dass die aggressive Problematik nicht in der Übertragungsbeziehung selbst thematisiert worden war.

- Analyse-Patienten unterschieden sich hinsichtlich des Behandlungserfolges umso deutlicher von Niederfrequenzen-Behandlungen (2 Stunden / Woche), je länger der Katamnesezeitraum dauerte.  


2. Studie von Sandell et. al.

Mehr als 400 Patienten in unterschiedlichen Behandlungsphasen wurden über 3 Jahre mit direkten Interviews, Fragebogen und amtlichen Statistiken untersucht sowie 3 Jahre später nachuntersucht.

 Ergebnisse

- Signifikant besseres Abschneiden der psychoanalytischen Behandlung im Vergleich zur psychotherapeutischen (einstündige Behandlung).

- Größere Erfolge von erfahrenen Analytikern

- Größere Erfolge von weiblichen Analytikern und Therapeuten im Vergleich zu den männlichen Kollegen

- Positive Wirkung von langer Dauer und hoher Frequenz der Behandlung

- Nachteiliger Effekt der klassisch-analytischen Haltung in einem psychotherapeutischen Setting (tiefenpsychologisch)

 
Methoden

Well-being-Questionnaire (WbQ), Social Adjustment Scale (SAS, Weissman und Bothwell 1976), SCL-90, Sense of Coherence Scale (SOCS, Antonovsky1987), Fragebogen zur therapeutischen Identität (ThId)

 

Ergebnisse

- Die Wahrscheinlichkeit einer Folgebehandlung ist nach Beendigung einer Psychotherapie zweimal so hoch wie nach Beendigung einer Psychoanalyse.

- Hinsichtlich des SCL-90 zeigten Analyse-Patienten und Psychotherapie-Patienten vor und während der Behandlung einen parallelen Verlauf, nach Abschluss der Behand­lung zeigten die Analyse-Patienten jedoch eine positive Abweichung, je länger der Zeitpunkt der Nachuntersuchung nach Ende der Therapie lag.

- Im ersten Behandlungsjahr sowohl der analytischen Patienten als auch der psycho­therapeutischen Patienten zeigten sich leichte Verschlechterungen im SOCS und SCL-90.

- In der Gruppe der Psychoanalyse-Patienten nahm die Zahl der nicht-klinischen Fälle von 12% vor Beginn der Behandlung auf über 70% 3 Jahre nach Ende der Behandlung zu, während bei den Psychotherapie-Patienten die Zahl von 33% nicht-klinischen Fällen vor Beginn der Behandlung auf 55% etwa 3 Jahre nach Abschluss der Behandlung lediglich anstieg.

- Je länger die Behandlungsdauer, desto positiver der Effekt der Therapie, je höher die Sitzungsfrequenz, desto positiver die längere Behandlungsdauer.

- Der psychoanalytische Glaubenssatz, dass Selbstzahler motivierter seien und deshalb mehr Verantwortung für die therapeutische Arbeit übernehmen, konnte in dieser Untersuchung nicht bestätigt werden.

- Therapeutinnen hatten signifikant bessere Ergebnisse als Patienten bei männlichen Therapeuten, unabhängig vom Geschlecht des Patienten und der Art der Behandlun­gen.

- Psychotherapeuten und Psychoanalytiker erzielten mit zunehmendem Lebensalter bessere Behandlungsergebnisse.

- Die Tätigkeit als Supervisor hat tendenziell positive Auswirkungen auf das Behandlungsergebnis.

- Selbsterfahrung und gegenwärtige Supervision korrelieren negativ zu den Behandlungsergebnissen.

- Therapeuten mit einer besonders langen psychoanalytischen Selbsterfahrung hatten als Psychotherapeuten besonderes schlechte Ergebnisse.

- Positiv wirkte sich aus, wenn der Therapeut Freundlichkeit als kurativen Faktor und sein Vorgehen als besonders supportiv bewertete.

 

Zusammenfassung

Zwischen beiden Behandlungsmethoden stellt sich bis zum Ende der Behandlung kein erkennbarer Unterschied dar. Erst nach Beendigung der Behandlung zeigt sich eine Differenzierung der Effekte. Die Autoren erklären dies durch einen qualitativ anderen therapeutischen Prozess.

Die Überlegenheit der Psychoanalyse gegenüber der Psychotherapie beruht lt. dieser Untersuchung zum größten Teil darauf, dass eine große Zahl der Psychotherapien mit einer unangemessenen analytischen Haltung durchgeführt werden.

 


(aktualisiert am 31.05.01)


bvvp Homepage