Bringt Psychotherapie im Grunde nichts?
Ein Kommentar des bvvp zum GEK-Report 2007

bvvp-Info:

Die GEK (Gmünder Ersatzkasse) hat ihrem diesjährigen Report  eine Sonderauswertung zum Bereich „ambulante Psychotherapie“ vorgenommen. Es wurde der Erfolg von Psychotherapie in den Jahren 2004 bis 2006 anhand des Vergleichs von Arztbesuchen, Medikamenteneinnahmen und Krankenhausaufenthalten vorher und nachher untersucht.   Der Beobachtungszeitraum betrug vor der Psychotherapie mindestens zwei Quartale und danach mindestens sechs Quartale. Die Autoren kommen in ihrer Zusammenfassung zu folgendem erstaunlichen Ergebnis:
„Nach den vorliegenden Auswertungen zeigen sich allerdings ggf. nur eher leichte und nicht durchgängig beobachtbare Effekte auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen nach Therapiebeendigung ab.“

Ist das tatsächlich so?  Bringt Psychotherapie gemessen am Aufwand und an den Kosten kaum etwas?  Eine genauere Analyse der vorgelegten Ergebnisse verlangt eigentlich andere Schlußfolgerungen:

  • Die Untersuchung zeigt, daß die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen - wie Arztbesuche, Medikamenteneinnahme und Krankenhausaufenthalte - in den letzten Monaten vor Aufnahme der Psychotherapie regelmäßig deutlich ansteigt, um dann wieder abzufallen auf einen Wert, der meist etwas unter dem Ausgangswert liegt. Die Autoren werten das als geringen Erfolg, weil die Patienten nach ihrer Psychotherapie nicht gesünder sind als vorher und auch nicht so gesund wie eine psychisch unauffällige Vergleichsgruppe. Jeder Fachmann allerdings würde das als vollen Erfolg werten, weil mit 25 Stunden Kurzzeittherapie realistischerweise gar nichts anderes, als der „Status quo ante“ vor der psychischen Krise, die den Patienten in psychotherapeutische Behandlung gebracht hat, erreichbar ist. Wenn der Patient zum Beispiel vorher schon an einer Persönlichkeitsstörung oder einem Diabetes gelitten hat und dann in eine depressive Krise geraten ist, kann auch die beste Behandlung der Welt - welcher Art auch immer - an den Vorerkrankungen in so kurzer Zeit nichts ändern. Derartiges würde man bei einer organ-medizinischen Behandlung auch nicht erwarten - aber von der Psychotherapie!
  • Die Untersuchung zeigt sogar, dass nicht nur der Status quo ante wieder erreicht wurde, sondern dass sich in der Psychotherapie-Gruppe gegenüber der Vergleichsgruppe die Zahl der Arztbesuche und die Einnahme von Medikamenten gebessert, die Zahl der Krankenhausaufenthalte sich sogar deutlich verringert haben.
  • Die Untersuchung zeigt weiter auf, dass Patienten, die eine Kurzzeittherapie in Anspruch nehmen, sowohl vorher, als auch nachher deutlich häufiger Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen als die Vergleichsgruppe. Daran zeigt sich aber u.E. nur allzu deutlich, was wir immer behaupten, nämlich dass Psychotherapie-Patienten multimorbid kränker sind als andere, psychisch unauffällige Patienten.
  • Die Untersuchung zeigt außerdem - und bewertet es kritisch -, dass Psychotherapiepatienten in den letzten Monaten vor und nach Psychotherapiebeginn sogar deutlich häufiger Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen als eine Vergleichsgruppe mit derselben psychischen Diagnose. Diese Vergleichsgruppe war aber eindeutig nicht vergleichbar, weil die Patienten dieser Gruppe nicht in eine Stuation mit einer krisenhaften Zuspitzung gerieten, die verstärkte Nachfrage nach Gesundheitsleistungen nach sich zog.  Um Psychotherapieeffekte bei gleicher Ausgangslage zu prüfen, wäre eine Parallelisierung von psychisch kranken Patienten mit einer ähnlich krisenhaftern Entwicklung nötig gewesen, wobei dann eine Gruppe Psychotherapie erhalten müßte und die andere nicht.
  • Die Untersuchung wertet als Psychotherapiepatienten leider alle Kassenmitglieder, die eine Genehmigung zur Psychotherapie im Untersuchungszeitraum erhalten haben. Sie prüft nicht, ob die Patienten die Therapie überhaupt angetreten oder gar abgebrochen haben. Die geringe durchschnittliche, mit der Zeit abnehmende Sitzungsfrequenz legt allerdings nahe, daß sich unter den untersuchten Patienten sehr viele Patienten befanden, die ihre Therapie vorzeitig beendet haben. Ein Grund ist darin zu suchen, dass in den meisten KVen im Untersuchungszeitraum so enge Regelleistungsvolumina (RLV) eingeführt wurden, dass keine ausreichende Zahl von Vorgesprächen vor Aufnahme einer Therapie mehr kostendeckend durchgeführt werden konnte. So wurden - und werden bis heute - leider  Patienten in vielen Fällen vorzeitig ohne ausreichende Diagnostik in Kurzzeittherapie übernommen, die sie oft nicht erfolgreich abschließen.
  • Die Studie wertet und untersucht als einziges Erfolgskriterium die Inanspruchnahme der genannten Gesundheitsleistungen. Als einziges Kriterium ist dies jedoch als äußerst fragwürdig anzusehen, weil hier unkontrolliert externe Einflüsse eine Rolle spielen können, die mit der Psychotherapie gar nichts zu tun haben. So fällt zum Beispiel auch die Einführung der Praxisgebühr in diesen Zeitraum.
  • An Untersuchungen, die Wirksamkeit und Nutzen von Psychotherapie nachweisen sollen, werden hohe Ansprüche gestellt. Diesen hohen Ansprüchen wird diese Untersuchung nicht ansatzweise gerecht, denn mit den hier nur retrospektiv erhobenen Versorgungsdaten kann nicht auf Wirksamkeit geschlossen werden.

Die Autoren kritisieren die von ihnen als gering eingestuften Effekte von Psychotherapie v.a. unter ökonomischen Gesichtspunkten, da vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 die Inanspruchnahme von Psychotherapie immerhin um 61% Prozent zugenommen habe. Es fällt dabei aber unter den Tisch, daß dies nur einen Zuwachs von 0,33%, nämlich von 0,55% auf 0,88 % der gesamten Versicherten bedeutet. Der nachgewiesene Bedarf in der Bevölkerung liegt aber mindestens bei 7% Prozent und ist damit mehr als 12 mal höher.

Zusammenfassend kann man also also sagen, daß es sich hier leider nicht um eine solide Untersuchung mit um Objektivität bemühter Auswertung handelt. Die Studie zeugt von geringer Grundkenntnis psychotherapeutischer Möglichkeiten und Zielsetzungen und außerdem von fehlendem Handwerk. Alternativ-Hypothesen und andere Erklärungen der Ergebnisse werden nicht erwogen und schon gar nicht diskutiert. Man muß also zumindest Oberflächlichkeit  und Ahnungslosigkeit unterstellen, wenn nicht sogar tendenziöse Absicht oder bewußte Voreingenommenheit. Immerhin ist einer der Autoren, Friedrich Wilhelm Schwartz, ein bekannter Psychotherapie-Verächter,  der schon vor Jahren die Psychotherapie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen entfernen wollte, um sie in den „Wellness/Lifestile“-Bereich abzuschieben.

Denoch ist den Autoren in einem Punkt zustimmen, nämlich wenn sie als Fazit fordern, dass Auswertungen zu Effektivität von ambulanter Psychotherapie im Rahmen der Versorgungsforschung indiziert erscheinen. Wir würden sogar sagen, dies ist dringend erforderlich - und zwar nicht nur für die Kurzzeittherapie, sondern auch für die Langzeittherapie.

Dr. F. R. Deister, 18.12.07