bvvp-Info Ärzte Zeitung bedient Vorurteile gegenüber Psychotherapie - ein Kommentar des bvvp

Die Ärzte Zeitung veröffentlichte am 3. Juli 2008 den Artikel: " Fernab vom kranken Gemüt" und einen dazugehörigen Kommentar: "Psychotherapie immer wieder in der Kritik". Dort wird ausgeführt,

  • dass Psychologen seit 10 Jahren an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen - "mit unbekannter Wirkung".
  • dass sie zwar mit einem Brutto-Jahreseinkommen von durchschnittlich nur 37.000,- Euro am Ende der Skala akademischer Heilberufe liegen, dass sie aber dennoch die "zufriedensten KV-Mitglieder" sind und "fast immer ihr Auskommen" finden.
  • dass sie sich bevorzugt niederlassen "in Städten mit hohem Kultur- und Freizeitwert", dort "gern Cluster bilden" und das Umland und vor allem den Osten meiden.
  • dass es bis heute nicht bekannt sei, "ob und welchen Effekt die rund 900 Millionen Euro" haben, die die GKV "allein an die Psychotherapeuten verteilt".
  • dass es "bis heute völlig unklar sei, ob und wie Psychotherapie hilft".
  • und dass die Therapeutenverbände aufgrund der "schwachen Datenlage" bislang nur "aus der Defensive argumentieren" konnten.

Wie kommt die Ärzte Zeitung, die als das meistgelesene und berufspolitisch einfussreichste Organ im Gesundheitsbereich gelten kann, dazu, so etwas zu verbreiten - eine solche Mischung aus Fakten und Unsinn, die fast jedes Vorurteil gegenüber unserer Berufsgruppe bedient? Steckt die Pharmalobby dahinter? Oder bestimmte Vertreter der Organ- und Apparatemedizin, denen die KV-Zulassung von Psychologischen und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten von Anfang an ein Dorn im Auge war?

Wahrscheinlich ist die Erklärung viel schlichter: Die Ärzte Zeitung weiss es nicht besser. Sie bezieht sich z.B auf Schlußforgerungen aus dem GEK-Report 2007, in dem aufgrund von Unkenntnis und Fehlinterpretationen der erhobenen Versorgungsdaten behauptet wird, Psychotherapie habe kaum Wirkung (vgl. http://www.sgipt.org/wisms/ptf/GEK/GEKrep07.htm). Der bvvp hat ausführlich dazu Stellung genommen und die Interpretationen begründet infrage gestellt und widerlegt (www.bvvp.de , Aktuelles,18.07.08). Diese Stellungnahme liegt allerdings auch der Ärzte Zeitung vor.

Wir möchten daher Folgendes noch einmal klarstellen:

  • Psychotherapie wirkt. Daran hat kein ernstzunehmender Psychotherapieforscher Zweifel. Die wissenschaftlichen Nachweise gehen in die Zig-Tausende und sind für jedermann zugänglich.
  • Auch der finanzielle Nutzen für die Kostenträger ist durch methodisch anspruchvolle Studien für die unterschiedlichsten Patientengruppen längst nachgewiesen, wie auch Jakobi und Hoyer in ihrer Stellungnahme zum GEK-Report aufzeigen (Psychotherapeuten-Journal 2/2008, S. 140 ff, Literatur s. dort). Dennoch ist weitere Versorgungsforschung sinnvoll und sollte betrieben werden. Leider fehlen die Geldgeber für methodisch anspruchsvolle, aber kostenintensive Langzeittherapieforschung im Feld. (Die Pharma tut`s bei uns jedenfalls nicht.)
  • Die Psychotherapeuten sind mit ihrem, auf einem unangemessen niedrigen Stundenlohn/Punktwert beruhenden GKV-Einkommen höchst unzufrieden - und gerade deswegen kämpft der bvvp seit Jahren dafür, dass das Einkommen aus psychotherapeutischer Tätigkeit irgendwann einmal dem der anderen Arztgruppen entspricht. Ein solche gerechte, vergleichbare Bewertung und Bezahlung muß allerdings deutlich über dem vom BSG geforderten Mindest-Stundenlohn liegen, da mit jenem ein maximal ausgelasteter Psychotherapeut lediglich soviel wie der Durchschnitt der Vergleicharztgruppe erwirtschaften kann.
  • Die Psychotherapeuten sind mit KBV und KVen ziemlich unzufrieden, gerade weil sie ihnen die angemessene Vergütung vorenthalten, statt sich für die berechtigten Honorarforderungen der Psychotherapeuten einzusetzen. Aber die Psychotherapeuten halten den Kollektivertrag für unverzichtbar, da nur so eine angemessene Versorgung psychisch Kranker, die nicht als Kunden oder Verbraucher selbstsicher in die Behandlung kommen, vorgehalten werden kann. Weder eignen sich die individuell zu gestaltenden therapeutischen Gespräche als wettbewerbtaugliche Dienstleistungen, noch vertragen die meisten Patienten aufgrund harter Marktgesetze unter (Erfolgs-)Druck gesetzt zu werden.
  • Psychotherapeuten gehen genauso wie Ärzte aller anderen Fachgruppen kaum aufs Land und in den Osten. Dieser Missstand ist einer völlig unzureichenden Bedarfsplanung und fehlender Anreize geschuldet. Dafür sind aber KBV/KVen und Kassen verantwortlich. Dass Ärzte und Psychotherapeuten gleichermaßen in den Ballungsgebieten bleiben können, zeigt, dass es auch dort keine echte Überversorgung gibt.

In einem möchten wir der Ärzte Zeitung allerdings recht geben: Wir Psychotherapeuten argumentieren tatsächlich oft aus der Defensive - wie hier auch wieder. Aber vor allem deswegen, weil wir - meist grundlos, ebenfalls wie hier - angegriffen werden und dann immer wieder dieselben Fakten herunterbeten müssen, die längst bekannt sind, aber trotzdem immer wieder ignoriert werden.

F.R. Deister, 08.07.08