Offener Brief

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Richter, liebe Kolleg(inn)en des BPtK-Vorstandes,

Auf der Homepage der BPtK (http://www.bptk.de/show/1378766.html) ist eine Stellungnahme zum „TK-Gesundheitsreport 2008“ eingestellt. In dieser Stellungnahme ist folgende Aussage zu lesen:

"Die Krankenkassen erkennen endlich, was die Experten schon lange kritisieren", stellte Prof. Dr. Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, fest. "Das enge Gerüst der bisherigen Richtlinienpsychotherapie ist nicht bedarfsgerecht. Wir brauchen bessere und flexiblere Regelungen, um schwer psychisch Erkrankte ambulant zu versorgen."

Diese Aussage ist höchst problematisch. Unserer Meinung nach wird hiermit die Richtlinienpsychotherapie zur Disposition gestellt, ohne dass es dafür den geringsten Anlaß gäbe, und eine Diktion gebraucht, die der von Gruppierungen, die die Richtlininentherapie letztlich abschaffen wollen – darunter auch ärztliche –, bedenklich ähnlich ist. Eine solche öffentliche Positionierung von Ihnen als Präsident der BPtK müßte eigentlich eine vorhergehende umfassende Diskussion der Profession mit entsprechender Beschlußfassung voraussetzen.

Natürlich können Weiterentwicklungen der Richtlinienpsychotherapie sinnvoll sein und auch notwendig werden, z.B durch Hereinnahme der GPT. Das heißt aber nicht, dass die Richtlinienpsychotherapie grundsätzlich als „nicht bedarfsgerecht“ bezeichnet werden dürfte. Hiermit spielen Sie und die BPtK – ungewollt – interessierten Kreisen in der Politik und bei den Kassen in die Hände, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen immer wieder – und auch aktuell – Alternativen zur Richtlinienpsychotherapie fordern.

Die vom G-BA festgelegten Therapierichtlinien, die bisher die Grundlage ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bilden, müssen uns nicht in allen Punkten gefallen, dennoch sind sie der dringend notwendige Schutz der psychotherapeutischen Versorgung gegen alle auf Einschränkung und Einsparung abzielenden Begehrlichkeiten und Umwälzungen im Gesundheitswesen.

Zudem ist es zweifelhaft, ob mit neuen „flexibleren Regelungen“ schwer psychisch erkrankte Patienten wirklich besser versorgt werden können. Dies wäre zunächst einmal in ausreichend gut evaluierten Modellversuchen zu klären. Auch die Richtlinienpsychotherapie und das im EBM vorgesehene „psychotherapeutische Gespräch“ bieten durchaus Möglichkeiten, schwer erkrankte Patienten zu versorgen, sofern die Behandler dies wollen. Bevor jedenfalls unsere Profession selber die Richtlinienpsychotherapie zur Disposition stellt, wären diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Daneben können ergänzende und erweiternde Versorgungsangebote – z.B. nach §§ 140 oder 73c SGB V – durchaus sinnvoll sein.

Wir bitte Sie daher eindringlich, die Aussage in der genannten Stellungnahme so zu korrigieren, dass unmißverständlich deutlich wird, dass die BPtK die Richtlinienpsychotherapie keineswegs zur Disposition stellt, sondern lediglich anregen wollte, über weitere spezielle Versorgungsangebote für bestimmte Problemstellungen nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Birgit Clever Dr. Frank Roland Deister
(1. Vorsitzende) (1. Stellv. Vorsitzender)