Sterben wir jetzt aus?

Wissen Sie es schon? Wenn es nach dem Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) geht, werden wir (berufsbezogen) alle einer aussterbenden Spezies angehören. Die ärztlichen Psychotherapeuten leben mit dieser angedrohten Perspektive ja schon lange, aber jetzt soll es die psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auch erwischen. Zukünftig soll es nur mehr „Psychotherapeuten“ geben.

Wie kommt das? Angefangen hat es mit dem Bologna-Prozess und der daraus resultierenden Notwendigkeit, das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) zu ändern, weil definiert nun werden muss, ob Bachelor oder Master zukünftig der notwendige vorausgesetzte Hochschul-Abschluss für die psychotherapeutische Ausbildung von Psychologen und Pädagogen sein soll. Die Zunft wollte zwar schon von Anfang an nahezu einheitlich hier den Master festschreiben, aber die Politik, insbesondere die Kultusminister, übersetzen den bisherigen (Fach-)Hochschulabschluss der Pädagogen eindeutig mit „Bachelor“, was langfristig eine Entwertung dieses Berufes nach sich ziehen könnte.

Jahrelang wurde darüber in der Profession, d.h. in Verbänden, in Kammern, in Ausschüssen, auf Symposien und letztlich auf dem Deutschen Psychotherapeutentag diskutiert und gestritten. Auf der einen Seite gab es eindeutige Psychologeninteressen, die dazu hätten führen können, dass die Pädagogen es mit psychologieüberfrachteten Zugangsvorausetzungen zukünftig so schwer hätten, dass sie aussterben würden, auf der anderen Seite gab es die Interessen der (Sozial-)Pädagogen, die sich einen für sie akzeptablen Zugang zur Ausbildung mit angemessenem (Sozial-) Pädagogikanteil und Masterabschluss wünschten. Hinzu kamen Versuche von Hochschulvertretern, die gesamte psychotherapeutische Ausbildung an sich zu ziehen („Direktausbildung“), was sowohl zu einer VT-Lastigkeit, als auch zu einer Entwertung der Ausbildungsinstitute bis hin zu ihrer Überflüssigkeit hätte führen können, wogegen es natürlich heftige Widerstände gab.

In seiner Hilflosigkeit angesichts dieser Zerstrittenheit der Profession hat das Bundesgesundheitsministerium schon unter Ulla Schmidt sogar ein – bereits vorliegendes – Forschungsgutachten in Auftrag gegeben. Auch Minister Rösler hat bereits die Notwendigkeit einer umfassenden Änderung des PsychThG betont.

Da auch noch hinzu kam, dass bereits schon jetzt in einigen Bundesländern Pädagogen mit Bachelorabschluss zur KJP-Ausbildung zugelassen werden, bestand langsam die Gefahr, dass hier die Weichen ohne die Profession gestellt werden könnten. Eine baldige Einigung wurde langsam dringlich.

Am 8. Mai hat dann der Deutsche Psychotherapeutentag – also die Versammlung der Delegierten der psychotherapeutischen Landeskammern – als Endpunkt eines mühsamen Prozesses endlich einen Kompromiss gefunden, mit dem die meisten hoffentlich leben können. Die „feindlichen“ Lager der Psychologie- und der Pädagogik-Hardliner haben beide Opfer bringen müssen, um dem Ziel näher zu kommen, den Master als Eingangskriterium für die Psychotherapieausbildung zu retten: Die für beide Berufsgruppen als Voraussetzung definierten gemeinsamen Studienbestandteile sollen jetzt weniger psychologisch dominert und somit stärker (sozial-) pädagogisch angereichert werden, als es die Psychologie-Vertreter bisher wollten. Dennoch sollen sie insgesamt deutlich psychologischer werden als die bisherigen (sozial-)pädagogischen Studiengänge, was für die (Sozial-)Pädagogik-Ausbilder an ihren Hochschulen einiges an Umstellung erfordert oder die Studenten dazu zwingen wird, diese Bausteine anderswo zusätzlich zu erwerben. Details hinsichtlich der Anforderungen müssen noch ausgearbeitet werden.

Jedenfalls wird dieser Kompromiß dazu führen, dass die BPtK und die Länderkammern sich bei der anstehenden Novellierung des Gesetzes für die Schaffung eines einheitlichen Berufs des „Psychotherapeuten“ mit einheitlicher Approbation und Schwerpunkt (Fachkunde entweder für Erwachsenen- oder für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie) stark machen werden (oder vielleicht auch müssen). Damit könnten zukünftig auch Pädagogen, wenn sie es denn wollen, später Erwachsenenbehandler werden.

Für den ärzlichen Psychotherapeuten, dessen Ausbildung davon weiterhin unabhängig gestaltet wird, bedeutet dies allerdings, dass er um so mehr auspassen muß, dass er überhaupt noch als „Psychotherapeut“ wahrgenommen wird, wenn es zukünftig nur noch den einen „Psychotherapeuten“ gibt. (Wir werden uns allerdings dafür einsetzen.)

Jetzt kommt es darauf an, was die Politik dazu sagt.

F.R. Deister, bvvp