ÄRZTE ZEITUNG, Gesundheitspolitik, Nr. 147 / Mittwoch, 23. August 2000

Untersuchung des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung

ZI bestätigt einen Mangel an Psychotherapeuten

Von Wolfgang van den Bergh

Köln. In der Psychotherapie gibt es eine latente Unterversorgung. Zu diesem Ergebnis kommt das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI), das im Auftrag von KBV und Bundesgesundheitsministerium den ambulanten psychotherapeutischen Versorgungsbedarf ermittelt hat. Damit werden psychotherapeutische Verbände, die vor einer dramatischen Unterversorgung warnen, in ihrer Auffassung bestätigt.

Nach Angaben des ZI sind die über 15 000 tätigen Behandler dieser Fachgruppe unter den jetzigen Bedingungen „bei weitem nicht in der Lage", alle potentiellen Patienten, die behandlungsbedürftige psychische Störungen aufweisen, zu versorgen. Zugleich räumt das ZI aber ein, daß vor dem Hintergrund der Finanzierungsproblematik bei den bestehenden psychotherapeutischen Praxen eine indikatorgestützte nachfrageorientierte Bedarfsplanung vermutlich schnell an ökonomische Grenzen stoßen würde.

Konkrete Zahlen aus epidemiologischen Studien
Professor Peter Löcherbach und Dr. Ingbert Weber, die federführend das Projekt geleitet haben, gehen davon aus, daß streng genommen etwa 1,89 Prozent aller GKV-Versicherten psychotherapeutisch behandlungsbedürftig und -willig sind. Diese Zahl lasse sich aus epidemiologischen Studien ableiten. Dieser Bevölkerungsanteil setzt sich zusammen zu 21 Prozent aus Kindern und Jugendlichen, zu 62 Prozent aus Erwachsenen und zu 16 Prozent aus Senioren.

Zeitliche Arbeitskapazitäten bei Psychotherapeuten

Stunden pro Woche

Anzahl

Anteil an Gesamt

0-17

312

20,5 %

18-25

293

19,3%

26-30

212

13,9%

31-40

356

23,4 %

41-50

259

17,0%

51-60

72

4,7 %

61-81

17

1,1%

Quelle Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Befragung 1997/98) Tabelle ÄRZTE ZEITUNG

 

Vollzeit ist eher die Ausnahme: Eine Befragung unter 1551 Psychotherapeuten (Rücklaufquote 25 Prozent) hat ergeben, daß nur etwa 40 Prozent aller Behandler, die antworteten, mindestens 40 Wochenarbeitsstunden für Psychotherapie tätig waren.
Die ZI-Umfrage wurde i n den Jahren 1997 und 1998 vorgenommen.

Löcherbach und Weber schränken allerdings ein, daß für eine administrative Versorgungsplanung der Anteil von 1,89 Prozent unbedingt bereinigt werden müsse. Eine Modellrechnung, die zwar den epidemiologischen Behandlungsbedarf zum Ausgangspunkt nimmt, müsse eine Vielzahl begrenzender Faktoren berücksichtigen.

Einige Beispiele:
Nicht jede Störung, die beim Betroffenen Leidensdruck erzeugt, muß von einem Fachpsychotherapeuten behandelt werden. Auch wenn Außenstehende wegen eines psychischen Problems zu einer Konsultation raten, entspricht dem nicht immer ein subjektives Behandlungsbedürfnis des Betroffenen mit Blick auf Psychotherapie. Nicht jeder psychotherapiewillige akzeptiert letztendlich den Therapieplatz, der ihm angeboten wird. Unterm Strich schätzen Löcherbach und Weber einen für einen Versorgungsplanung relevanten Bedarf in der Größenordnung von durchschnittlich 0,6 Prozent der Versicherten.

Weiterer Parameter: Arbeitskapazitäten. Eine Befragung unter 1551 Psychotherapeuten (Rücklaufquote 25 Prozent) hat ergeben, daß nur etwa 40 Prozent aller Behandler, die antworteten, mindestens 40 Wochenarbeitsstunden für Psychotherapie tätig waren. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die ZI-Befragung 1997 und 1998 stattgefunden hat. Inwiefern sich die Wochenarbeitszeitstunden nach dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes am l. Januar 1999 verändert haben, steht auf einem anderem Blatt. Dennoch: Die Aussage der Wissenschaftler, bei der Bedarfsbemessung, Vollzeitbehandler, überwiegend tätige und geringfügig tätige Psychotherapeuten zu unterscheiden, wird dadurch nicht in Frage gestellt.

Behandlungsdauer: Vernachlässigt man die Unterschiede zwischen den Therapieverfahren, so versorgt ein voll berufstätiger Psychotherapeut im Schnitt 22 Patienten pro Jahr, bei einer Arbeitsleistung von 1650 Behandlungsstunden pro Jahr und einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 78 Stunden je Patient.

3750 Psychotherapeuten wohl voll berufstätig
Löcherbach und Weber schätzen, daß von den momentan über 15 000 Psychotherapeuten, die zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen sind, etwa 3750 voll berufstätig, etwa 5250 überwiegend berufstätig, zirka 3000 halbtags berufstätig und etwa 3000 geringfügig berufstätig sind. Mit Blick auf die zuvor erhobenen Zahlen können demnach alle 15 000 Psychotherapeuten etwa 220 500 Patienten, die eine intensive Psychotherapie benötigen, versorgen. Als behandlungsbedürftig und -willig gehen beide Wissenschaftler aber von 0,6 Prozent der GKV-Versicherten aus. Dies entspricht einer absoluten Zahl von 480 000 Versicherten. Der aktuelle Versorgungsgrad liegt damit bei knapp 46 Prozent.

Fazit der Autoren: „Die Anwendung der Bestimmungen zur gesetzlich vorgeschriebenen Bedarfsplanung führt nun leider dazu, daß gravierende Versorgungsungleichgewichte, die bereits bestehen, auch künftig festgeschrieben werden.