Die Meilensteine der Entwicklung: Erfahrungen eines Glückskindes mit einer „jungen Praxis“

Das mit dem Glückskind kommt von meiner langjährigen Freundin Beate: „Du bist doch immer wieder sofort aufgestanden, wenn mal etwas schwer war“, sagte sie vor Jahren zu mir. „Du kriegst doch alles hin, du Glückskind!“

Die Meisten haben sich ihren Teil gedacht, außer Beate und den anderen, die mich gut kennen. Mich hielt das nicht davon ab, meine unbefristete Stelle als Pädagogin zu kündigen, um mich der Odyssee der VT-Ausbildung zu stellen. Ich bin ein Glückskind, werd es schon meistern, dachte ich. Gut, dass ich vorher nicht gewusst habe, was da auf mich zukommt. Zeitlich und finanziell.

Nach 3 Jahren rückte dann das Examen in Sicht. Das mit dem Glückskind bewahrheitete sich: Kurz vor dem Examen erhielt ich Kenntnis von einem Sitz, der in Kürze frei werden sollte. Also nahm ich Kontakt auf mit der Praxis-Abgeberin und es funkte auch. Noch vor der Ausschreibung im Ärzteblatt kamen wir ins Gespräch, einigten uns in Bezug auf die Übernahme und den Kaufpreis. Ich Glückskind. Dann die Ausschreibung, meine Bewerbung, ihr Empfehlungsschreiben. Das geht doch alles wie geschmiert, dachte ich.

Jetzt stand das Examen an. Ich hatte Horrorgeschichten über Durchfallquoten gehört, vor allem, was Pädagogen betrifft. Lernen, lernen, lernen. Es musste einfach klappen. Schließlich hatte ich ja Einiges zu verlieren und das Leben mit hohen Kosten und nicht vorhandenem bzw. geringem Verdienst, noch zudem mit Familie, sollte endlich wieder ein Ende haben. Das Examen war dann doch leichter als befürchtet, ich Glückskind. Ende April war alles geschafft, zum 01.07. wollte ich dann den Praxisbetrieb aufnehmen.

Hoffentlich geht alles gut, dachte ich immer wieder in den folgenden Wochen. Die Zeit war knapp. Mitbewerber zogen ihre Bewerbungen nicht zurück, was üblich ist, wie ich später hörte. Ende Juni tagte der Zulassungsausschuss, bis dahin mussten alle Papiere bei der Verwaltung des Zulassungsausschusses vorgelegt sein. Alle Papiere? Wer sagt mir eigentlich, was, wann, wo? Da braucht man die einen Papiere, um die anderen beantragen zu können… Aber wie das genau geht, habe ich nur Stück für Stück herausgefunden. Ein full-time-job. Der mit Kosten verbunden war für Kopien, Beglaubigungen, Gebühren etc. Aber das kannte ich ja schon aus der Ausbildung.

Meine Probleme hab ich mit dem VHVP besprochen, dort fand ich Unterstützung und es entstand die Idee, einen „Leitfaden“ zu schreiben, wie man vom Examen zum ersten Behandlungstag in eigener Praxis kommt. Damit beschäftige ich mich derzeit. Nach vielen anderen Aufgaben. Kennen Sie die? Nein? Kein Problem, hier eine kleine Kostprobe:

Eintragung in das Arztregister, dies gilt auch für Psychotherapeuten, Kontakte mit der Bank zwecks Finanzierung (meine Hausbank hatte wirklich keine Ahnung, zum Glück bin ich schnell an eine gute Adresse gekommen, ich Glückskind), Praxisinventar checken, ergänzen mit bezahlbaren, schönen Möbeln, Tests bestellen, Praxis renovieren (nie wieder fliese ich selbst, das war ein langes Wochenende!), Praxissoftware kennen lernen, diverse Versicherungen abschließen, Rente beim Versorgungswerk, Entwurf von Briefpapier, Flyer und Visitenkarten, Praxisschild, Planung einer Eröffnungsfeier (haben Sie schon mal 200 Anschriften und Absender mit der Hand geschrieben?), Kontakte mit Kollegen und Kooperationspartnern planen und herstellen, Tagung des Zulassungsausschusses Ende Juni und dann die Eröffnungsfeier mit Musik, Vortrag, Essen. Ein gelungener Tag, ich Glückskind.
Endlich war er dann da, der 1. Betriebstag, der 1. Patient. Ich habe als KJP-lerin eine Praxis übernommen, in der nur Erwachsene behandelt wurden und damit rundum mit neuen Patienten angefangen (mit Ausnahme von 2 Patienten noch aus meiner Assistenzzeit). Der Hinweis der Kollegen, dass es Probleme mit dem RLV geben könnte, veranlasste mich, einen Antrag auf Erhöhung des RLV bei der KV zu stellen. Schließlich war klar, dass ich zu Beginn vorrangig nicht genehmigungspflichtige Leistungen wie Probatorik, Diagnostik und Antragsstellung erbringen würde. Dass die vielen Kredite, die hohe Miete, die Versicherungen etc. bezahlt werden müssen. Schließlich arbeite ich ja auch viel, ich mache alles so gut wie möglich, andere haben das auch geschafft, es wird also schon gut gehen, dachte ich. Nach wenigen Wochen waren auch meine Plätze alle vergeben, wie überall. Ich arbeitete wie wild, voller Freude über die neue Aufgabe. Unter der Woche sah ich die Patienten, am Wochenende schrieb ich Berichte für die Anträge. Mein Rekord lag bei 7 Berichten an einem Wochenende. Meine Familie musste mal wieder zurück stecken. Ich auch. Aber das kannten wir ja auch schon. Bald ist die Berichtsbefreiung für KZT da, dann wird’s besser, tröstete ich mich, Mann und Kinder.

Die Befreiung von der gutachterlichen Antragsstellung für KZT kam nicht. Ausbildungsberichte würden nicht anerkannt, hieß es. Weil ich die Therapien nicht eigenverantwortlich, sondern unter Supervision durchgeführt hätte. Nach über 40 „eigenverantwortlichen“ Berichten waren dann endlich die ersten 35 Anträge wieder zurück (zum Glück waren die meisten Gutachter ziemlich schnell) und bewilligt. Insgesamt waren es dann doch mehr als 35 Berichte, da weitere Anträge ja auch „raus“ mussten. Die sind noch „unterwegs“. Die Sachbearbeiterin bei der KV bearbeitete dann meinen Antrag wie die Feuerwehr, ich Glückskind. Das war dann ein Gefühl, meinen ersten Antrag ohne Bericht rauszuschicken.

Bei der 1. Quartalsabrechnung ein erneuter Kontakt mit dem VHVP und die Ernüchterung: Ich habe so um die 520.000 Punkte abgerechnet. Davon circa 170.000 für Therapien und 350.000 für Diagnostik. Und nun kommt das RLV in Gang. Mein Antrag bei der KV, dieses zu erhöhen, wurde abgelehnt. Wenn das so bleibt, heißt das konkret für mich, dass ich bei ca. 43.000 Punkten den oberen Punktwert zu 2 Cent und bei ca. 327.000 Punkten den unteren Punktwert zu 0,5 Cent vergütet bekäme. Das wären dann für diese 370.000 Punkte circa 2.400,-€. Insgesamt, versteht sich. Was da dann tatsächlich herauskommt, erfahre ich später mit der Abrechnung der KV. Ich befürchte, dass ich im 1. Quartal für meine Fixkosten gearbeitet habe. 60 Stunden die Woche, 14 Wochen lang. Und diese auch nur decken kann, weil ich bemüht war, zügig in den therapeutischen Prozess zu gelangen und hier noch 180.000 Punkte vergütet bekomme. Aber ich bin es ja gewohnt, ich Glückskind, noch aus Klinikzeiten während der Ausbildung, ohne einen Cent auf dem Konto zu haben, arbeiten zu gehen. Übrigens habe ich als „junge Praxis“ noch Glück gehabt, sagte man mir, denn weder die Fallzahlbegrenzung noch die fallzahlabhängige Quotierung würde bei mir laut Honorarverteilungsvertrag angewendet werden.

Begründung der KV für die Ablehnung: Das amortisiert sich im Lauf der Zeit. Es betrifft alle Kollegen. Es würde nur genehmigt, wenn der Sicherstellungsauftrag gefährdet sei.
Wie bitte?? Da zahl ich einen Haufen Geld und werde dann nicht gleich behandelt mit denen, die nichts bezahlt haben, im Rahmen des Sonderbedarfes zugelassen werden? Darmstadt sei überversorgt? Haha. Doch allerdings nur auf dem Papier. Und das weiß doch jeder. Und für die Kollegen, die ihre Praxis schon lange haben, ist es genauso wenig in Ordnung wie für mich, denn die erhalten im RLV auch nicht viel. Mich betrifft das in meinem 1. Quartal bei 2/3 meiner Leistungen. Bisschen viel, denke ich. Ob die Sicherstellung der Existenz von uns Praxisinhabern bei der KV auch bedacht wird?

Der Widerspruch läuft. Ich Glückskind? Einzige Reaktion der KV bisher: Es wird dauern.

Es wird dauern. Soll ich das auch meiner Bank sagen, wenn die mal ein bisschen Geld wieder sehen möchte?

Ariadne Sartorius
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Dezember 2006