Psychotherapieausbildung
im Rahmen des europäischen Bildungssystems

Wir leben und arbeiten im 21. Jahrhundert. Schlagworte wie „Globalisierung“, „Europäisierung“, „Internationalität“ haben längst in unser Leben Einzug gehalten. Europa umfasst mittlerweile 27 Mitgliedsstaaten. Dies betrifft uns auch in unserer Arbeit und damit die Ausbildung unserer zukünftigen Kolleginnen und Kollegen. Wir befinden uns in einem Umwälzungsprozess im europäischen Hochschulsystem, der zu einer Vereinheitlichung der europäischen Studienabschlüsse und damit zu einer Vergleichbarkeit führen soll. Dieser so genannte „Bologna-Prozess“ soll bis 2010 abgeschlossen sein. Während einige europäische Staaten sich hier Zeit lassen, ist in Deutschland bereits eine Entwicklung in Gang, die immer unübersichtlicher wird, vor allem für die Schulabgänger, die sich um einen Studienplatz bemühen. Das 60-jährige, bewährte „Diplom“ in Psychologie hat vielfach „Konkurrenz“ bekommen: Neben z.B. Bachelor- (B.A.) und Masterstudiengängen (M.A.), die zum Teil auch aufeinander aufbauen, bieten vermehrt (Fach-) Hochschulen spezielle Psychologiestudiengänge an, wie zum Beispiel der B.A. Studiengang „Lehr/Lern- und Trainingspsychologie“ an der Universität Erfurt. Ob diese Spezialisierungen innerhalb verschiedenster Studiengänge den wachsenden Forderungen nach Flexibilität im Arbeitsmarkt entsprechen, bleibt abzuwarten.

Im Wirrwarr der deutschen Hochschullandschaft stellt sich zunehmend auch die Frage, wer zukünftig für die Psychotherapieausbildung zugelassen werden wird. Festgelegt sind diese Voraussetzungen im Psychotherapeutengesetz (PsychThG). Dort wird bislang „eine im Inland an einer Universität oder gleichstehenden Hochschule bestandene Abschlussprüfung im Studiengang Psychologie“ für die Aufnahme der Ausbildung zum PP gefordert, die „das Fach Klinische Psychologie“ enthalten muss. Etwas weiter gefasst waren die Voraussetzungen zur Aufnahme einer KJP-Weiterbildung, zu der auch Dipl.-Pädagogen und Dipl.-Sozialpädagogen zugelassen werden.

Der Bachelorabschluss wird nach 6-semestrigem Studium erreicht, der Masterabschluss nach circa 9 - 10 Semestern. Es gibt noch keine verbindliche Regelung, wie eine Zulassung nach Bachelor/ Masterstudien zur PP oder auch KJP-Weiterbildung gestaltet werden soll, wenngleich erste Studierende ihr Studium mit einem Bachelor oder Master abgeschlossen haben. In anderen Berufsgruppen, zum Beispiel die „Deutsche Dekane- und Abteilungsleiterkonferenz der Architekten und verwandte Berufsgruppen“ setzt man sich vehement für einen Master als Regelabschluss und als Voraussetzung für die Architektenkammermitgliedschaft ein.

Dass aufgrund des Psychotherapeutengesetzes der Fachbereich Psychologie eine gesicherte Sonderrolle einnimmt, ist nicht richtig. Vielmehr ist eine gesetzliche Regelung dringend notwendig, die festlegt, welcher der vielfältigen Abschlüsse im Bereich Psychologie dann auch tatsächlich eine Berechtigung zur Weiterbildung als PP oder auch KJP beinhaltet. Diese Rechtsunsicherheit stellt sich vielen Studienwilligen oder Studierenden als ein Problem dar, da sie in der Planung ihres Berufsweges zum Teil nicht absehbare Wege „planen“ müssen.

Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem liegt in der Finanzierung der Ausbildung. Ein Studierender mit einem Abschluss als Bachelor, der – wenn man der Tendenz Glauben schenkt – vermutlich noch einen Masterabschluss vorweisen muss, um zur Weiterbildung als Psychotherapeut zugelassen zu werden, hat zwar zunächst der Forderung nach kürzeren Studienzeiten in Deutschland entsprochen, könnte aber Probleme mit der Finanzierung seines weiteren Berufsweges bekommen. Fraglich ist nach einem Studienabschluss als Bachelor zum Beispiel eine Bafög-Förderung für den Masterstudiengang. Und, selbst wenn dieses Studium dann finanziert ist, erwartet unsere zukünftigen Kolleginnen oder Kollegen noch die kosten- und zeitintensive Weiterbildung.

Immer wieder diskutiert wird hier die Frage, warum zwischen Medizinern und Psychologen derart differenziert wird, was die Berufstätigkeit im Anschluss an das Studium betrifft: Der ehemalige Medizinstudent erhält als Assistenzarzt in der Weiterbildung zumeist ein Gehalt nach BAT II, während ein Großteil der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiAs) den „Praktikantenstatus“ schlucken muss. Auch werden die Weiterbildungen der Ärzte an den Krankenhäusern kostenfrei durchgeführt, während die PiAs teure Institute konsultieren müssen, in denen sie Vorlesungen und Seminare besuchen müssen, die sie zum Teil während ihrer universitären Ausbildung mit demselben Titel und demselben Dozenten bereits gehört haben. Es ist klar, dass der Arzt mit Abschluss seines Studiums approbiert ist und dann eine Weiterbildung absolviert, während der Psychologe/Pädagoge erst eine „Ausbildung“ durchläuft und dann die Approbation erhält. (Anzumerken sei hier, dass nach einer Musterklage diese „Ausbildung“ zumindest steuerrechtlich als Weiterbildung deklariert wird.) Rechtfertigt dieser Unterschied aber die grundlegend unterschiedliche Handhabung mit ihren schwerwiegenden finanziellen Belastungen?

Man mag die Vereinheitlichung des Bildungssystems sehr begrüßen, aber ob es dann tatsächlich zu den gewünschten Erfolgen führt, ist fraglich. Als Beispiele seien hier die verschiedenen Richtlinienverfahren alleine innerhalb Europas zu nennen. Systemische Therapie, Gesprächspsychotherapie etc. sind in einigen EU-Ländern anerkannte Psychotherapieverfahren. Das Gesundheitssystem der verschiedenen Länder „verkompliziert“ dann das Ganze aber noch zunehmend. Voraussetzungen und Bezahlung für eine Niederlassung differieren zum Teil erheblich.

Der Bolonga-Prozess läuft. Wenn wir Psychotherapeuten verhindern wollen, dass die unüberschaubaren, zum Teil weit differierenden Systeme unseren hart erarbeiteten Stand als Psychotherapeuten mit Titelschutz, Niederlassungsmöglichkeit, Karrierechancen im klinischen Alltag und vielem mehr im Rahmen der „Europäisierung“ in Frage stellen, sollten wir hellhörig bleiben und mitreden.

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