Zur Situation der Psychotherapeuten in Ausbildung – ein Bericht

Das Jahr 2002 war ein Einschnitt in mein bisheriges Leben. Ich entschloss mich nach verschiedenen systemischen Ausbildungen noch für eine Weiterbildung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, organisierte alles dafür Notwendige, kündigte meinen Job als Pädagogin in einer Beratungsstelle und begab mich wieder in den Status einer unbezahlten Praktikantin. Die Umstellung war nicht leicht: Täglich 150 Kilometer in die Klinik, meine Kinder im Hort, am Wochenende und abends die Lehrveranstaltungen, Selbsterfahrungen, Supervisionen, das Literaturstudium. Obgleich ich vorher mit meiner Familie darüber gesprochen hatte, sollten die nächsten 3 ½ Jahre schwer werden.

Mir ging es nicht anders als den meisten Anderen, die sich dieser Odyssee stellen. In diesem Beitrag sollen Informationen über die Ausbildungsbedingungen für psychologische oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ausbildung (folgend PiAs genannt) erläutert werden. Dem zugrunde liegt keine Studie, sondern vielmehr eigene Erfahrungen und Berichte anderer PiAs. Die Weiterbildung der ärztlichen Psychotherapie kann in diesem Rahmen nicht besprochen werden, wenngleich der Autorin bewusst ist, dass diese Berufsgruppe einen großen Teil psychotherapeutischer Arbeit leistet.

Mit dem Psychotherapeutengesetz ist die Ausbildung zum psychologischen oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutin (PP bzw. KJP) neu geregelt worden. Abzuleisten sind inzwischen 4.200 Stunden, die sich aus verschiedenen Ausbildungsbausteinen zusammensetzen:

  • 1.200 Stunden Praktische Tätigkeit, allgemein bekannt als sogenanntes „Psychiatriejahr“, das ein Großteil der Ausbildungsteilnehmer ohne Bezahlung absolviert
  • 600 Stunden Praktische Tätigkeit, auch bekannt als „Psychosomatikhalbjahr“
  • 600 Stunden Theorie in einem anerkannten Ausbildungsinstitut; die Veranstaltungen werden privat finanziert
  • 120 Stunden Selbsterfahrung, zumeist in einer Gruppe. In der tiefenpsychologischen oder analytischen Ausbildung die eigene Lehranalyse
  • 600 Stunden Praktische Ausbildung, die sogenannten „Fälle“, also 600 Stunden eigene Patientenbehandlungen unter
  • 150 Stunden Supervision
  • 930 Stunden Wahlpflichtangebot, die „freie Spitze“, die im Gesetz nicht näher definiert ist.

In der Regel beginnen PiAs ihre Ausbildung, die zur Approbation führt, mit dem Psychiatriejahr, parallel dazu die Lehrveranstaltungen, Selbsterfahrung und Supervision. Im Anschluss hieran werden häufig die restlichen 600 Stunden der Praktischen Tätigkeit absolviert. Die benötigte Zeit hierfür liegt bei mindestens 1 ½ Jahren. In dieser Zeit, die oft als die schwerste Zeit empfunden wird, leben 2/3 aller PiAs unter dem Sozialhilfeniveau. Wegen der oft unbezahlten Tätigkeit in der Klinik, mehrerer Hundert Euro Ausbildungsgebühren für Selbsterfahrung und Veranstaltungen monatlich, oft in Kombination mit langen Fahrtwegen. Denn trotz der Nichtbezahlung ist es häufig ein schweres Unterfangen, eine Klinik zu finden, die PiAs beschäftigt. Von Vorteil ist es auch, das Psychiatriejahr in einer Klinik mit dem eigenen Schwerpunktverfahren zu machen, und die findet sich nicht überall. Schwierig ist zudem die Grätsche zwischen dem Praktikantenstatus innerhalb des Kollegiums und der Therapeutenrolle gegenüber den Patienten.

Im Anschluss hieran müssen die Ausbildungsteilnehmer die 600 Stunden der eigenen Fälle absolvieren. Oft verlangen Institute zuvor das Bestehen einer Zwischenprüfung, gesetzlich vorgeschrieben ist diese jedoch nicht. Einige haben schon während der Klinikzeit einige Patienten behandeln können. Hier werden bis zu 300 Stunden anerkannt, wenn sie von einem vom Institut anerkannten Supervisor supervidiert wurden. Parallel dazu befassen sich die PiAs noch mit den anderen Ausbildungsbausteinen, sodass hier zumindest zeitlich keine Entlastung besteht. Und da die Bezahlung bei vielen Instituten nur bei circa 30 Euro pro Stunde liegt, kann man leider häufig immer noch nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten. Dieser Teil der Ausbildung zieht sich häufig über Jahre, da viele PiAs nebenbei noch anderen Tätigkeiten nachgehen müssen, um sich zu finanzieren.

Am Ende von allem verdichten sich die während der ganzen Ausbildung erforderlichen Dokumentationsaufgaben noch einmal. Mindestens 6 Patientenbehandlungen müssen dokumentiert werden. Bei 600 Stunden Therapie können das bis über 20 Dokumentationen werden, die einen Umfang zwischen 4 und 15 Seiten haben. Wenn der/die PiA dann alle „Unterschriften“ für die einzelnen Ausbildungsbausteine zusammen hat, kann er/sie endlich mit dem Lernen für das staatlich anerkannte Abschlussexamen beginnen. Üblich sind hier 4 -6 Monate.

Das Examen besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Der schriftliche Teil besteht aus bundesweit einheitlichen Prüfungsfragen, die für alle Vertiefungsgebiete gleich sind. Obwohl PiAs in der Ausbildung häufig nicht viel über die anderen Vertiefungsverfahren vermittelt bekommen, sollen sie nun, im Examen, dieselben Fragen beantworten, egal, welches Gebiet erlernt wurde. Einzig zwischen der PP und der KJP-Prüfung gibt es einige unterschiedliche Aufgabenstellungen. Gestellt werden 80 Fragen, die Bestehensgrenze liegt bei 48 richtigen Antworten. Das ist in der Regel gut zu bewältigen, dennoch fallen hier jedes Jahr Einige durch. Der zweite Teil des Examens ist eine mündliche Prüfung, die sich aus einer Einzel- und einer Gruppenprüfung zusammensetzt. Die Durchführung dieser Prüfung obliegt den vier Prüfern. Auch hier gibt es Kandidaten, die diese Prüfung als „letzte Hürde“ nicht bestanden haben. Eine Wiederholung ist nach dem Absolvieren weiterer Stunden zweimal möglich.

Neben der finanziellen Situation klagen PiAs häufig über viele Ausbildungsbedingungen. Da es sich um eine Ausbildung handelt, ist diese Durchführung Ländersache. Das führt zu massiven Unterschieden im Ablauf und in den Bedingungen. Und nicht nur dies führt zu Ungerechtigkeiten, auch die innerhalb der Institute sehr unterschiedlichen Auslegungen des Gesetzes führen zu zum Teil massiven Differenzen innerhalb verschiedener Ausbildungsinstitute, die den Verlauf stark beeinflussen können. So machen beispielsweise einige Institute Vorgaben über die Patientenbehandlungen in Bezug auf die Verteilung von Langzeit- und Kurzzeittherapie, dem Spektrum der Krankheitsbilder etc. Das kann dazu führen, dass PiAs nach den probatorischen Sitzungen Patienten ablehnen müssen, weil sie z.B. noch Patienten mit Langzeittherapie benötigen, oder Patienten mit einer anderen Diagnose. Oder Therapien müssen abgebrochen werden, weil noch Kurzzeittherapien fehlen. Ob das ethisch ist, was den Patienten und den PiAs hier zugemutet wird, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Die Bedingungen, unter denen die Ausbildungstherapien durchgeführt werden können, sind auch sehr unterschiedlich. In einigen Bundesländern können die KVen genehmigen, dass PiAs in Praxen als Ausbildungskandidaten arbeiten können. Die Regel sind aber eher sogenannte Lehrpraxen oder Institutsambulanzen, verbunden mit nach wie vor langen Fahrtzeiten für die PiAs.

Schwierig ist für PiAs weiterhin eine Vernetzung, um Erfahrungsaustausche zu praktizieren oder sich berufspolitisch zu organisieren. Die Ausbildungsinstitute verwehren in der Regel „aus Datenschutzgründen“ die Weitergabe von Anschriften. Manchmal gibt es nicht einmal Kandidatensprecher. Eine wirkliche, bundesweite Interessenvertretung gibt es nicht. Gewünscht wird das wohl auch nicht von allen Instituten. Innerhalb von Instituten ist es oft schwierig, bestimmte Bedingungen zu verändern, denn in der Regel wird das mündliche Examen mit 2 Prüfern aus dem eigenen Institut besetzt. Wer mag da schon sich vorher unbeliebt machen?

Aus meinem Kurs hat inzwischen knapp die Hälfte aller PiAs die Ausbildung abgeschlossen. Die Restlichen kämpfen, ziemlich allein nach Abschluss der Lehrveranstaltungen weiter. Das ist nicht leicht und für viele sehr niederschmetternd. Einige planen noch mehrere Jahre ein….

Ich habe die Odyssee bestanden. Mit allen Höhen und Tiefen. Und bin froh, dass ich mich nunmehr berufspolitisch engagieren und zusammenschließen kann. Ich habe Glück gehabt: Trotz meiner Schulden aus der Ausbildung war eine Finanzierung eines „Sitzes“ noch drin. Da konnte ich mich dann auch gleich den Schwierigkeiten, die man so als „junge Praxis“ hat, stellen. Aber das ist ein anderes Kapitel…

Ariadne Sartorius